50 Jahre Hochwasserkatastrophe Etteln

 

Predigt von Bischof Dr. Franz-Josef Bode

 

Lesung:

Gott sprach zu Noach und seinen Söhnen: Ich habe meinen Bund mit euch geschlossen: Nie wieder sollen alle Wesen aus Fleisch vom Wasser der Flut ausgerottet werden; nie wieder soll eine Flut kommen und die Erde verderben.

Und Gott sprach: Das ist das Zeichen des Bundes, den ich stifte zwischen mir und euch und den lebendigen Wesen bei euch für alle kommenden Generationen: Meinen Bogen setze ich in die Wolken; er soll das Bundeszeichen sein zwischen mir und der Erde. Balle ich Wolken über der Erde zusammen und erscheint der Bogen in den Wolken, dann gedenke ich des Bundes, der besteht zwischen mir und euch und allen Lebewesen, allen Wesen aus Fleisch, und das Wasser wird nie wieder zur Flut werden, die alle Wesen aus Fleisch vernichtet. Steht der Bogen in den Wolken, so werde ich auf ihn sehen und des ewigen Bundes gedenken zwischen Gott und allen lebenden Wesen, allen Wesen aus Fleisch auf der Erde.

Und Gott sprach zu Noach: Das ist das Zeichen des Bundes, den ich zwischen mir und allen Wesen aus Fleisch auf der Erde geschlossen habe.

Gen 9,11-17

Evangelium:

In jener Zeit sprach Jesus: Kommt alle zu mir, die ihr euch plagt und schwere Lasten zu tragen habt. Ich werde euch Ruhe verschaffen. Nehmt mein Joch auf euch und lernt von mir; denn ich bin gütig und von Herzen demütig; so werdet ihr Ruhe finden für eure Seele. Denn mein Joch drückt nicht und meine Last ist leicht.

Mt 11, 28-30

 

Viele Schreie von Menschen sind mir von unserer Hochwasserkatastrophe noch im Ohr, liebe Schwestern und Brüder, an jenem schwarzen Freitag, dem 16. Juli 1965. Schreie auf Plattdeutsch von Männern, die von der Arbeit nach Hause kamen, ob ihre Frauen und Kinder noch am Leben seien – während tote Tiere durch die Kirchstraße trieben. Ein Schrei hat sich besonders tief in mir festgesetzt: „Gott hat doch versprochen, dass nie wieder eine Sintflut kommt!“ Genau diese Verheißung Gottes lesen wir heute in der Geschichte von Bund mit Noach: „Nie wieder soll eine Flut kommen und Mensch und Tier ausrotten oder die Erde verderben.“ Und dann doch noch wenig später ist zu hören, dass eine Familie fast ganz ausgelöscht ist, vier Kinder mit ihrer Oma, und dazu der Bedienstete eines Bauern.

Tatsächlich: Mein kindlicher Glaube an den `lieben Gott`, der alles in Händen hält, der seinen Engeln befiehlt, uns zu beschützen, und der immer weiß, was das Beste für uns ist, kam damals im kritisch werdenden Alter von 14 Jahren schon stark ins Wanken. Von all den grausamen Begleitumständen und dem Verlust von vielen Dingen meiner kindlichen Welt, an denen ich hing, gar nicht zu reden. Auch nicht vom Schlamm und vom Misstrauen, von Missverständnissen, Streitigkeiten, Enttäuschungen, die in unserem Dorf noch lange zurückblieben.

Sol sind die Erfahrungen der Menschen bis heute mit den großen und kleinen Naturkatastrophen, den Stürmen und Fluten, den Tsunamis, denen unsere Erde im fortschreitenden Klimawandel ausgesetzt ist. Bewusst oder unbewusst arbeiten wir fleißig daran mit durch unseren Lebensstil, durch eine Wachstumsideologie, in der Ökonomie und Ökologie, die Wirtschaft und der Umgang mit der Schöpfung völlig auseinanderfallen.

Papst Franziskus hat gerade erst in seiner großen Enzyklika „Laudato si“ alle Welt eindringlich beschworen, gemeinsam neue Wege in die Zukunft zu finden in der Sorge um das gemeinsame Haus der Schöpfung und der Menschheitsfamilie. Aber auch in der Sorge um die anderen Überflutungen, auf die auch Herr Christian Jakob eben hingewiesen hat und denen wir ausgesetzt sind: Reizüberflutungen, Bilderfluten, Informationsfluten, digitale Überflutungen, ganz zu schweigen von den persönlichen Katastrophen, die die Menschen in ihren Familien, Beziehungen und Sehnsüchten überfluten.

Vergessen wir auch nicht, dass heute fast 60 Millionen Menschen in ein globales Flüchtlingsdrama hineingezogen sind, das viele voller Verzweiflung übers Meer treibt und dort – wie bei unserem Hochwasser – versinken lässt. Und wir in Europa tun uns so schwer mit der Verteilung derer, die es trotz allem geschafft haben, und mit einer echten Kultur des Willkommens. Menschen auf der Flucht sind doch nicht nur ein Problem mit vielen Herausforderungen, sondern auch eine Bereicherung mit all ihren Gaben und Fähigkeiten, die sie mitbringen.

Ja, liebe Schwestern und Brüder, vieles lässt einen zweifeln und ist zum Verzweifeln, wenn wir nicht wegsehen, sondern uns der Realität stellen. Vor 50 Jahren ist ein gewisses Gottesbild in mir zerbrochen. Der Gott, der jeden und alles in Händen hält, aber wie Marionetten, so das Mensch und Welt keine Freiheit haben. Auch Gott als alter Mann mit langem Bart, der der Welt zuschaut und den Dingen seinen Lauf lässt, taugte nicht mehr. Dagegen reifte eine Ahnung von Gott heran, der selbst in dieses Leid der Welt und der Menschen hineingeht in seinem Sohn Jesus Christus. Er war bereit, das Leben der Menschen von Geburt bis Tod zu teilen, auch das Leben in Armut, Flucht, Angst und Not – etwa in der tiefsten Todesangst am Ölberg – bis hin zu dem Schrei am Kreuz, dem Schrei von Millionen Menschen: „Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen?“ (Ps 22,2)

Und genau der Blick auf diesen so ohnmächtig erscheinenden und gerade darin solidarischen Gott hat Menschen durch die zwei Jahrtausende der Kirchengeschichte doch getragen, getröstet, aufgerichtet, zum Durchhalten ermutigt und vor Verzweiflung bewahrt. Warum sonst finden sich immer wieder so viele Menschen vor dem Kreuz und der Gottesmutter mit dem toten Sohn auf dem Schoß ein? Weil sie sich dort von einer Mutter angeschaut und verstanden wissen, die das alles selbst durchgemacht hat. Jeder soll auch in der äußersten Not, ja selbst im Tod dem Gott begegnen können, der selbst in die äußersten Abgründe gegangen ist, wie seine Mutter ihn uns zeigt.

Diese Glaubensgeschichte in der Gemeinschaft unseres Dorfes hat sich gerade in jenen Zeiten als tragfähig erwiesen: die alten Riten, Gesten und Gebärden, die ununterbrochene Weiterfeier der Messe in unserer Kirche – auch an den folgenden Sonntag schon, am 18. Juli. Und wenn ich vor gar nicht langer Zeit die Mutter der umgekommenden Kinder bei einer kleinen volkstümlichen Wallfahrt getroffen habe, dann weiß ich, dass dieser tiefe Glaube ihr Halt gegeben hat; sonst wäre sie nicht da gewesen. Nicht, dass wir dadurch eine Antwort auf das Warum hätten oder das Leid verstehen könnten. Aber vielleicht können wir es so besser bestehen.

Und wenn das so ist, dann sind wir umso mehr herausgefordert, die Katastrophen der Menschheit und der Erde nicht noch mehr zu befördern durch unseren Lebensstil, durch unsere Gleichgültigkeit, durch die arrogante Weise, die Schöpfung auszubeuten und das Klima zu verändern, durch die immer zügellosere Pflege von Selbstverliebtheit und Daueransprüchen. Dann sind wir herausgefordert, uns gemeinsam der Sorge für das gemeinsame Haus zu stellen, wie der Papst sagt. Ökonomie, Ökologie und Ökumene enthalten alle das Wort oikos, „Haus“ im Sinne der bewohnten Welt. Und nur in diesem Miteinander können wir zur Zukunft der Welt und der Menschheitsfamilie beitragen.

Darüber hinaus ist es über-lebensot-wendig, dem Herrn wieder mehr zu trauen, trozt so vieler enttäuschender Erfahrungen, dem Herrn, der einen Bund mit uns gestiftet hat von alters her, für den der Regenbogen als Zeichen steht.

Lieben Schwestern und Brüder, wenn wir uns ´bundesgemäß´ verhalten, wird zwar das Leid nicht abgeschafft, aber eine Unmenge von Leid vermieden und übermächtigt. Jeder kleine Schritt der Zuwendung, der Dankbarkeit, der Barmherzigkeit, der Demut und der Einfachheit festigt das Netzwerk der Liebe und der Treue zur Schöpfung und zu den Menschen gegenüber den mächtigen Netzwerken des Hasses und der Terrors, aber auch der Ausbeutung und des überdrehten Strebens nach Reichtum.

Deshalb kann Jesus so verwegen sein und uns sagen: „Mein Joch drückt nicht und meine Last ist leicht.“ Wo ihr von mir lernt, gütig und von Herzen demütig zu sein, wo ihr meinen Lebensstil lernt, da wird viel Leid aus der Welt geschafft und euch viel Kraft gegeben, das dennoch verbleibende Leid zu tragen.

Wenn wir darauf vertrauen, dass Jesus Christus alle unsere Kreuze in seinem Kreuz mit uns teilt und mit uns trägt, dann bleibt der Satz nicht hohl, mit dem er uns heute und für alle Zukunft einlädt: „Kommt alle zu mir, die ihr euch plagt und schwere Lasten zu tragen habt. Ich will euch Ruhe schenken.“

Liebe Schwestern und Brüder, so hat die Erfahrung der Katastrophe im Altenautal vor 50 Jahren mich für meinen Lebens- und Glaubensweg, ja auch für meinen Weg als Priester und Bischof, geprägt. Das erkenne ich heute mehr als früher. Und ich versuche oft, es bei der Firmung den jungen Leuten, die jetzt 14, 15 sind, nahezubringen.

Möge uns unsere neue Stele wie das Bundeszeichen des Regenbogens immer daran erinnern, dass Gott zu uns steht in guten und bösen Tagen, dass wir zu ihm stehen in Bundestreue und dass wir hohe Verantwortung tragen für die Zukunft des gemeinsamen Hauses der Erde und der Menschheitsfamilie, im Kleinen wie im Großen. Der 16. Juli bleibe für uns ein Tag des Gedenkens an jenes Grauen, aber auch des Dankes für unser Leben und der Herausforderung zur gemeinsamen Verantwortung. Amen.

 

Bischof Dr. Franz-Josef Bode

16. Juli 2015, Etteln

 

 

 

 

 

Pfarrgemeinderat Etteln - Wir leben Glauben.

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